Anonym
Heutzutage ist alles anonym. Tagtäglich sehe ich die gleichen Menschen im Bus und in der Bahn, kenne allerdings keinen von ihnen mit Namen; weiß nicht was sie tun, wo sie arbeiten, was sie bewegt - ich spinne mir immer selber irgendwelche Geschichten zusammen.
Das Ganze setzt sich in der Arbeit fort. Je größer der Betrieb, desto größer die Anonymität. Im Prinzip kenne ich viele Kollegen kaum. Wenn man nicht gerade im gleichen Raum sitzt kommt man eigentlich nie ins Gespräch (aber dafür gibt es Teeküchen und Raucherzimmer).
Auch in der Schule gab es einige mit denen ich fast nie gesprochen habe - außer vielleicht “in welchem Raum haben wir denn jetzt Englisch?” Aber selbst solche Fragen stellt man ja eher den Leuten die man besser kennt.
Eigentlich wollen wir es doch gar nicht anders; ein großes Hobby vieler Jugendlicher oder auch Erwachsener ist chatten - kaum etwas könnte anonymer sein. Wie viel die Leute die am anderen Ende der Leitung sitzen von mir mitbekommen hängt davon ab wie viel ich tippe … tolle Sache. Es würde auch sicher nie jemand auf die Idee kommen das Ganze anzuprangern (wieso auch?), da wir uns ja auch ganz wohl in unserer mentalen Abgeschiedenheit fühlen. Meistens wenn Leute nach ihrer ersten Begegnung miteinander gefragt werden antworten sie mit “Was ist denn das für eine(r)?”
Jeder nimmt immer erstmal eine Abwehrhaltung ein und lässt niemanden an sich ran. Ein Stück weit gesund (ich bin da nicht anders), aber ist es nicht irgendwie schade wenn wir den Leuten nicht mal die Möglichkeit geben möchten? Lieben wir unser “Inseldasein” so sehr?