Revolutionärer Geist
Die Rote Armee Fraktion - RAF - als Dokumentar-Spielfilm im Kino. Ein interessanter Film, der einem die Geschichte etwa so vermittelt, als wären da einige Idealisten gewesen die etwas ändern wollten - die gibt es immer. Aber diese haben etwas unternommen und wurden übermütiger und radikaler, bis sie sich schließlich in etwas hineingesteigert haben, vermutlich weil sie nicht wahrhaben wollten, dass es so nicht funktioniert.
Gehen wir mal zu den Anfängen zurück; wer geht heute noch “auf die Straße” - in den Klischee-Vorstellungen v.a. Punks und Rechte. Aber fragen wir mal anders: WO gehen die Leute auf die Straße oder organisieren sich derartig? Eigentlich viel eher in Ländern in denen es sozial und wirtschaftlich nicht gut läuft - zumindest was Frequenz und Masse angeht. Es scheint, als wäre dort der Idealismus noch größer. Oder liegt es vielleicht eher daran, dass die Leute dort mehr Hoffnung haben - mehr Hoffnung als die Chance, dass es in absehbarer Zeit ernstzunehmende Verbesserungen gibt? Besteht der Zusammenhang darin, dass man sich weniger hilflos fühlt, wenn man aktiv ist?
Oder, was ist dann andersherum der Grund, dass derartiger Aktionismus rückläufig ist in Deutschland? Interesse? Andere Probleme - und was für welche? Luxusprobleme? Ein etwas größerer Egoismus vielleicht… Oder geht es uns nicht “schlecht genug?” Aber in den 60ern und 70ern ging es den leuten ja auch nicht schlecht - hatten Menschen damals dann einfach mehr Interesse, Zeit, Altruismus? Oder liegt es vielleicht an der wirtschaftlichen Lage, dass die Menschen “gerade erst” in die Problematik hingeraten z.B. um den Job kämpfen zu müssen, Rechnungen nicht bezahlen zu können? Oder sind die Menschen einfach nur zu bequem, zu sehr “Stock im A****” ?
January 13th, 2009 at 10:22 am
Mh. Eine Interessante Frage die Du da aufwirfst… Wo sind all die Revolutionäre hin? Was ist ein Revolutionär? Aus dem lateinischen kommend, übersetzt man ‘revolere’ mit ‘zurück wollen’, heute benutzt man das Wort aber im gegenteiligen Sinne, als Aufbruch hin zu etwas Neuem.
Und hier, so denke ich, liegt das Problem. Wohin, für Was, welches ‘höhere Ziel’ könnte die Menschen antreiben, aufzustehen, für Ihre Interessen zu kämpfen? Es kommt nicht von ungefähr, dass nur noch in den politischen Extremen Aktionismus betrieben wird, der Protest jedoch in der Breite zwangsläufig verflacht.
Zu vielfältig sind die Interessen in Zeiten der Massen-Individualiserung, in der die Menschen auf der Suche nach suggerierter Selbstverwirklichung und Freiheit sich immer weiter voneinander entfernen. Wie lautet also ein mögliches Ziel? Die Parolen sind nicht mehr griffig, oder es ist nicht mehr möglich Sie so zu formulieren, dass eine breite Basis sich davon angesprochen fühlen könnte.
Dann also die Frage nach den Zielen. Gegen Studiengebühren. Klar. Es gab auch Proteste. Aber was hat es gebracht? Nada. Dort, wo Studiengebühren noch nicht die Regel sind, braucht man höchstens 10 Jahre zu warten, und es hat sich auch dort durchgesetzt. Europa-Verfassung. Dort, wo dagegen gestimmt wurde, wählen die Politiker sich ein neues Volk. Die Benzinpreise haben sich ganz ohne Protest gesenkt, und werden auch ganz ohne Zutun der Politik wieder steigen. Lebensmittelpreise steigen unmerklich, nach der Milchpreisexplosion im vergangenen Jahr hat der Verbraucher nur ein diffuses Gefühl, ‘dass alles immer teurer wird’. Ist die Wirtschaftskrise tatsächlich bei der Basis angekommen? Oder handelt es sich hier auch um etwas ‘größeres’ auf das Einfluss auszuüben, unmöglich scheint? Die Welt wird komplexer. Nie war es so einfach, Informationen zu bekommen, nie war es so schwer, diese auf Objektivität und Wahrheitsgehalt gegenzuprüfen. Nie war es hingegen so bequem, einfach darauf zu vertrauen, daß die Realität das ist, was wir täglich sehen (sollen).
Flachgetreten von Massenmedien, ohnmächtig und isoliert stehen sie nun also da die Menschen in der ersten Welt. Die Intelligenzia, deren Erfolg lange darauf vertrauen konnte, andere noch mehr auszupressen, steht auf wackeligen Beinen. In den Ländern der nördlichen Halbkugel, den führenden Industrienationen, beginnen die Leute vermehrt nachhaltige Entwicklung zu fordern, organisieren sich um Transparenz zu schaffen. Versuchen, dem Kapitalismus eine neue, sozialverträgliche, ökologisch verträgliche Grundlage zu geben. Diese Menschen, die Gerechtigkeit für alle Bewohner dieses Planeten fordern, streifen die alten Kleider ab.
Und zu diesen alten Kleidern gehört meiner Meinung nach auch das alte Schreckgespenst der revolutionären Bewegung. Vielmehr würde ich von einer ‘Evolution’, einer ‘Weiterentwicklung’ im Sinne der lat. Wurzel sprechen.
Der Protest von heute ist ein Protest der Verbraucher und Konsumenten, ein Protest der Menschlichkeit. Eine gewaltfreie, kontemplative Bewegung, die aus Idealen eine neue Realität schafft.
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